A EUROPEAN LANGUAGES PROJECT

Bewertung von Sprachkenntnissen im Migrationskontext: Was macht dieses Thema multidisziplinär und was macht es schwierig?

22. Juni 2016

Bei manchen Fragestellungen bedient man sich eines multidisziplinären Ansatzes. Wie der Name schon sagt, werden verschiedene Disziplinen herangezogen, um die Lösung zu einem Problem zu finden. Dieser Ansatz kann in verschiedenen Bereichen angewandt werden und scheint die einzig zielführende Herangehensweise im Migrationskontext zu sein.

Migration ist ein globales, zyklisches Phänomen. Seit den frühen Anfängen der Zivilisation migrieren Menschen. Diese Bewegungen sind ein zentraler Bestandteil der Menschheitsgeschichte.

Migration ist ein allgemeiner Begriff, der weite verbreitet genutzt wird. Emigration und Immigration sind eng damit verbunden, beide Begriffe stammen vom Wort Migration ab, sind aber präziser. Wenn wir davon sprechen, dass Menschen emigrieren, sagen wir nicht nur, dass Menschen ihr Land, ihre Region oder ihren Ort verlassen, sondern betonen auch die Absicht und das Ziel, anderswo zu leben; permanent oder für eine begrenzte Zeit. Immigration (intern oder extern) stellt aus der Sicht des Aufnahmelandes die Kehrseite von Emigration dar. Darum schließt Migration, insbesondere Massenmigration, historisch beide ein, das Herkunftsland sowie die Herkunftsgesellschaft der Migranten und das neue Land. Dabei bezieht sich der Begriff nicht nur auf interne politische, soziale, demographische und ökonomische Konsequenzen, sondern auch auf beidseitige Beteiligung und Verantwortlichkeiten.

Wie wir aus der Geschichte und früheren Erfahrungen gelernt haben sollten, ist es beinahe unmöglich, Immigrationsbewegungen aufzuhalten und es ist sehr schwierig, sie einzugrenzen und zu kontrollieren, insbesondere wenn sie durch starke, endemisch demografische, ökonomische Unterschieden zwischen Herkunfts- und Zielländern entstehen und durch tiefgehende und parallel verlaufende politische und soziale Krisen verursacht werden. Dennoch müssen Immigrationsbewegungen gemanagt werden. Das bedeutet, dass die gegenwärtigen Gesellschaften in Europa und überall auf der Welt einen positiven und konstruktiven Weg finden müssen, damit umzugehen. Natürlich handelt es sich um einen sehr komplexen Prozess, der gemeinsamer und koordinierter Aktionen zwischen Ländern und zwischen Disziplinen bedarf.

Was bedeutet das für die pädagogische Arbeit? Sicherlich kann nur ein langfristiger Bildungsprozess, der auf Dialog aufbaut und beide Gemeinden, die Immigranten- und Aufnahmegemeinde, einbezieht, zu gegenseitigem Verständnis und Respekt führen, was die wichtigste Grundlage für echte Integration auf lange Sicht bildet. Der interkulturelle Dialog impliziert, dass „von den Teilnehmern in interkulturellen Begegnungen weder erwartet wird, sich von sich selbst zu entfernen, noch sich die Unterschiede des anderen anzueignen oder diese zu bezwingen; es geht vielmehr darum, eine Anerkennung der Unterschiede zu erreichen.“ (Dallmayr 2010:115[1] “participants in cross cultural encounter are expected neither to erase themselves nor to appropriate or subjugate the other’s differences; rather, the point is to achieve a (…) recognition of differences”]. Es geht also um eine transformative und vermenschlichende Lernerfahrung, die auf dem gegenseitigen Respekt liberaler und demokratischer Werte beruht.

Verglichen mit ihren Ursprüngen wirft die Migration der heutigen Zeit eine Reihe von noch komplexeren Problemen auf: politische, ökonomische, soziale, kulturelle und pädagogische. Um mit all diesen effektiv umgehen zu können, brauchen wir einen multidimensionalen Ansatz, Fachwissen verschiedener Bereiche und koordiniertes Handeln auf internationaler Ebene. Meines Erachtens sollten die Sozialwissenschaften eine führende Rolle spielen, wenn es darum geht, Ansätze und Modelle auszuarbeiten, die für das Management von Migrationsprozessen geeignet sind, je nach Kontext und Situation.

Aus pädagogischer Sicht ist die Kenntnis der Sprache des Aufnahmelandes in den letzten Jahren zu einem der Hauptthemen im Bildungsbereich geworden und wird von Experten sowie politischen Entscheidungsträgern diskutiert. Infolgedessen wurden Sprachanforderungen vor kurzem von der Mehrheit der europäischen Regierungen als ein notwendiges Mittel bezeichnet, um soziale Integration bzw. Inklusion der Migranten zu fördern. Allerdings wird ein solcher Grundsatz auch zur Exklusion mancher Migranten führen – wenn man bedenkt, dass sie Sprachprüfungen nicht bestehen könnten.

Die Kenntnis der Sprache des Aufnahmelandes wird häufig und in fragwürdiger Weise als wichtigste Voraussetzung für Integration dargestellt. Vom erfolgreichen Nachweis der Sprachkenntnisse sollen grundlegende Rechte, wie ein langfristiges Aufenthaltsrecht, Staatsbürgerschaft, und Einbürgerung, je nach der Gesetzgebung des einzelnen Landes, abgeleitet werden. Hier wird deutlich, dass die Bewertung von Sprachkenntnissen im Migrationskontext eine schwierige Aufgabe ist. Diese Aufgabe wird zu einem sozialpolitischen Thema, dass nicht nur professioneller oder technischer, sondern auch sorgfältiger ethischer Überlegungen bedarf.

Abschließend lässt sich sagen, dass Migration ein komplexes Phänomen ist, das einen multidisziplinären Ansatz braucht. Experten, einschließlich Linguisten und Politiker, müssen sich bewusst sein, dass ihre Kooperation im Migrationskontext nicht nur wichtig, sondern lebenswichtig ist.

 

Autor: Projektteam der University for Foreigners of Perugia: Giuliana Grego Bolli

 

 

 

[1] Dallmayr, F. (2010) Integral Pluralism. Beyond Culture Wars, Lexington: The University Press of Kentucky.

 

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