A EUROPEAN LANGUAGES PROJECT

Vorüberlegungen zur Aufgabenentwicklung auf der Grundlage von Standards, Fertigkeiten und Sprachebenen

13. Juli 2016

Der Beginn des Fremdsprachenunterrichts hat sich in den vergangenen 25 Jahren in vielen europäischen Ländern in den Primarbereich verlagert. Diese Vorverlegung ging einher mit einer intensiven Diskussion über die geeigneten Methoden und Inhalte für einen angemessenen Unterricht einer Fremdsprache an der Grundschule. Während zunächst von einer Überprüfung der unterrichteten  Sprachmittel abgesehen wurde, um den Lernprozess in der Fremdsprache nicht durch Leistungskontrollen zu belasten, wurde sehr schnell deutlich, dass eine Leistungskontrolle nicht nur aus diagnostischen Gründen sondern auch zur Evaluierung des durchgeführten Unterrichts und nicht zuletzt für das Selbstverständnis des Faches notwendig wurde.

Um die Leistungen von Lernern in einer Fremdsprache (ebenso wie in anderen Lernbereichen der Grundschule) an einem bestimmten Zeitpunkt zu erfassen, bedarf es reliabler und valider Lernstandserhebungen. Um einen möglichen Lernfortschritt zu messen, müssen zwei getrennte Leistungskontrollen durchgeführt werden, die einen gewissen zeitlichen Abstand voneinander aufweisen. Im laufenden Projekt The Language Magician wurden als Zeitpunkte für die Leistungsüberprüfung der Anfang und das Ende des 4. Schuljahres ausgewählt. Auf diese Weise lässt sich der Lernstand einer nahezu identischen Schülergruppe innerhalb eines Schuljahres zu zwei verschiedenen Zeitpunkten erheben und miteinander vergleichen.

Um den Lernstand im Fremdsprachenunterricht in den verschiedenen beteiligten europäischen Ländern einheitlich zu bewerten, ist zwangsläufig zunächst der Gemeinsame europäische Referenzrahmen (Europarat 2001) zu konsultieren. In fast allen nationalen Bildungsstandards und Rahmenplänen für den Fremdsprachenunterricht in der Grundschule ist der Bezug zum Einstiegsniveau A1 Breakthrough allgegenwärtig, in dem der Referenzrahmen Standards für die vier Grundfertigkeiten Hörverstehen, Sprechen, Leseverstehen und Schreiben in Form von Can-do-Deskriptoren festlegt. Beim näheren Hinsehen wird jedoch schnell deutlich, dass es sich hierbei um Deskriptoren handelt, die für den Grundschulbereich zu wenig ausdifferenziert sind, bzw. für bestimmte sprachliche Aktivitäten gar nicht existieren (vgl. z.B.  öffentliche Ankündigungen / Durchsagen machen). Schließlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Stufe A1 zum Teil nach zwei Jahren Fremdsprachenunterricht erreicht werden soll, zum Teil aber auch erst nach vier Jahren. Um also den Lernstand zu Beginn und am Ende des vierten Schuljahres zu überprüfen,  müssen feiner ausdifferenzierte Standards herangezogen werden.

Als vorbereitende Maßnahme wurden daher im laufenden Projekt The Language Magician in den beteiligten Ländern Spanien, Italien, England und Deutschland Bildungsstandards für den Fremdsprachenunterricht der Grundschule gesammelt und miteinander verglichen. Dabei kann zunächst grundsätzlich festgehalten werden, dass die Formulierung von Standards in allen beteiligten Ländern bezogen auf die vier Grundfertigkeiten erfolgt, die gelegentlich auch als kommunikative Kompetenzen bezeichnet werden. Die Breite der beschriebenen Aktivitäten weicht dabei aber zum Teil erheblich voneinander ab. Gemeinsam ist z.B. allen Anforderungen im Bereich des Hörverstehens, dass die Lerner „… einfache Äußerungen zu vertrauten Themen verstehen und darauf angemessen reagieren“ können (vgl. BIG-Kreis 2005:9). In den spanischen Standards findet man z.B. aber darüber hinaus auch Can-do-Deskriptoren, die sehr viel präziser bestimmte Aktivitäten oder Situationen beschreiben, die die Lerner sprachlich beherrschen sollen können: „Students can understand essential information in product advertisements of interest for children (games, computers, CD, etc.). (National ESL-Standards at Primary Level developed by the Ministry of Education at the Canary Islands). Diese Bandbreite findet sich auch in den weiteren drei Fertigkeiten wieder. Trotz der unterschiedlichen Ausdifferenzierung der Standards erscheint es sinnvoll und gleichermaßen notwendig, bei der Erhebung des Lernstands in den beteiligten Sprachen Englisch (in Spanien, Italien und Deutschland) sowie Spanisch, Italienisch, Französisch und Deutsch (in England) den Fokus auf die Einzelfertigkeiten und deren Kombinationen zu legen, um so zumindest eine Annäherung an authentische, kommunikative Sprachsituationen zu erreichen.

Neben der Festlegung, dass sich die Leistungsüberprüfung auf die Fertigkeiten (skills) beziehen soll, ist zudem zu entscheiden, welche sprachlichen Ebenen (sub-skills) hierbei eine Rolle spielen sollen. Angelehnt an die verschiedenen Bereiche der Linguistik kann es sich hier um die Sprachebenen Aussprache und Intonation, Wortschatz,  Wort- oder Satzgrammatik (Morphologie und Syntax), Sprachfunktionen und Redemittel sowie Textlinguistik handeln. Aus den verschiedenen Kombinationen von Fertigkeiten mit Sprachebenen ergeben sich mögliche Aufgabenformate für die geplante Lernstandserhebung. Weiterhin sind auch die technischen Rahmenbedingungen der elektronischen Medien zu berücksichtigen, die bei der Durchführung der Lernstandserhebung zum Einsatz kommen sollen. Die Erhebung des Lernstands soll auf stationären Computern, Laptops, Tablets und Smartphones in elektronischer Form möglich sein.

Eine weitere, wichtige Vorgabe war die Entscheidung, dass es sich dabei für die Lerner nicht vordergründig um einen Leistungstest handeln soll, sondern dass die Bewertung ihrer Sprachkenntnisse in Form eines Computerspiels ablaufen soll, bei dem es für die Teilnehmer/-innen in erster Linie darum gehen soll, sich in spielerischer Form mit der vermittelten Sprache zu beschäftigen. Dazu wurden umfangreiche Überlegungen zur Entwicklung einer Storyline angestellt, die an dieser Stelle jedoch nicht thematisiert werden sollen. Eine Einschränkung, die aufgrund der technischen Gegebenheiten vorgenommen werden musste, war der Verzicht auf die Überprüfung von Sprechleistungen, da es hierzu einer komplizierten Spracherkennungssoftware bedarf, bei der Fehlinterpretationen von Schüleräußerungen zum jetzigen Zeitpunkt kaum ausgeschlossen werden können. Damit bleiben für die Aufgabenerstellung die Fertigkeiten Hörverstehen, Leseverstehen und – mit gewissen Einschränkungen – auch das Schreiben übrig.

Es versteht sich dabei von selbst, dass die Aufgabenformate, die in spielerischer Form zur Überprüfung der Sprachkompetenz eingesetzt werden, eine gewisse Progression von einfacheren zu schweren Aufgaben aufweisen sollten. Damit wird sicher gestellt, dass alle Lerner in die Lage versetzt werden, die ersten Aufgaben des Computerspiels zu bewältigen. Mit zunehmender Spieldauer werden die Aufgaben anspruchsvoller und ermöglichen so, gute von weniger guten Sprachleistungen zu unterscheiden. Die dazu passende Reihenfolge der skills beginnt mit dem Hörverstehen und geht dann über zum  Leseverstehen bzw. zu einer Kombination aus Hör- und Leseverstehen. Die anspruchsvollste Fertigkeit für die Fremdsprachenlerner im Grundschulbereich stellt das Schreiben dar.

Auf Ebene der sub-skills ist eine Steigerung von der Wortebene, über Teilsätze bis hin zu vollständigen Sätzen denkbar. Weiterhin ist es möglich, mit Aufgaben zum Satzbau und dem Zuordnen von zueinander passenden Äußerungen strukturelle und kommunikative Bereiche der Sprache zu testen. Die Berücksichtigung dieser Vorgaben bei der Aufgabenentwicklung gewährleistet eine umfangreiche Bandbreite von einfachen hin zu komplexeren Aufgabentypen, mit denen sich die Sprachkompetenz der Lerner in differenzierter Form erfassen lässt. Die Verbindung zu den oben beschriebenen Standards darf hierbei nicht aus den Augen verloren werden und sollte nach der Erstellung aller Aufgaben erneut überprüft werden.

Autor: Prof. Dr. Norbert Schlüter (Leipzig University, Institut für Anglistik)

Literatur:

BIG-Kreis (Hrsg.) (2005) Standards, Unterrichtsqualität, Lehrerbildung. (2. Auflage). München: Domino Verlag.

Europarat (2001) Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen. Berlin: Langenscheidt.

 

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